21. September 2026

Auf einer kleinen Verkaufsfläche konkurrieren viele Anforderungen um denselben Raum: Produkte sollen gut sichtbar sein, Reserveware braucht Stauraum, Kund:innen benötigen Platz für Beratung und Bewegung – und trotzdem soll das Geschäft offen und einladend wirken. Die beste Lösung ist deshalb nicht immer, möglichst viel Verkaufsfläche zu erhalten. Manchmal lohnt es sich sogar, bewusst Fläche wegzunehmen.
Kleine Verkaufsfläche heißt nicht: möglichst viel hineinstellen
Wenn wenig Platz vorhanden ist, scheint die Rechnung zunächst einfach: möglichst viele Regale, möglichst viel Ware, möglichst jeden Quadratmeter nutzen.
Doch gerade dadurch können kleine Verkaufsräume noch enger wirken.
Verkaufsfläche hat mehr Aufgaben, als Ware unterzubringen. Sie muss Orientierung geben, Bewegung ermöglichen und – je nach Sortiment – Platz für Beratung, Anprobe oder Aufenthalt bieten.
Bevor ich über Regale und Möbel nachdenke, kläre ich deshalb zuerst Sortiment, Reservebedarf und die täglichen Abläufe: Was muss sichtbar präsentiert werden? Was muss lediglich schnell verfügbar sein? Und welche Wege und Tätigkeiten brauchen im täglichen Betrieb Platz?
Denn wenn eigentlich Stauraum fehlt, löst ein zusätzliches Regal im Verkaufsraum das Problem nicht. Es verlagert es nur.
Projekt GOODSHOES: Warum ich zuerst Verkaufsfläche weggenommen habe
Beim Shopkonzept für das Wiener Schuhgeschäft GOODSHOES war genau das der Ausgangspunkt.
Das Geschäftslokal hatte insgesamt rund 40 m². Etwa 30 m² wurden als Verkaufsfläche genutzt, dazu kamen ein kleines Büro und nur rund 5,5 m² Lager- und Nebenfläche. Gleichzeitig war der Hauptraum mit etwa fünf Metern ungewöhnlich hoch.
Im Bestand standen nicht nur die ausgestellten Schuhe im Verkaufsraum, sondern auch viele der dazugehörigen Größen in Kartons. Schuhe, Socken, Taschen und Reserveware teilten sich die knappe Fläche. Vor allem die vielen sichtbaren Schuhkartons erzeugten zusätzlich viel Unruhe.
Das eigentliche Problem war also nicht nur die kleine Verkaufsfläche, sondern vor allem die fehlende Trennung zwischen Warenpräsentation, Lagerung und den Abläufen im Verkauf.
Meine zentrale Entscheidung war deshalb zunächst überraschend: Ich verkleinerte die eigentliche Verkaufsfläche und plante einen klar abgetrennten Lagerbereich.
Damit bekam die Reserveware endlich ihren eigenen Platz und verschwand aus dem Verkaufsraum.
Die ungewöhnliche Raumhöhe bot zusätzlich die Möglichkeit, weitere Fläche zu gewinnen. Deshalb plante ich über dem hinteren Bereich eine Galerie mit Büro und zusätzlichem Stauraum sowie eine bepflanzte offene Zone zum Verkaufsraum.
Die Umsetzung von GOODSHOES wurde begonnen, aber nicht fertiggestellt.
Ich zeige die Planung hier trotzdem ganz bewusst, weil das Projekt besonders gut veranschaulicht, wie Flächenaufteilung, Stauraum, Warenpräsentation und Arbeitsabläufe zusammenspielen.
Was muss sichtbar sein – und was nur verfügbar?
Gerade bei einem Schuhgeschäft lässt sich diese Frage gut erklären.
Damit Kund:innen ein Modell sehen und auswählen können, muss nicht jede verfügbare Größe danebenstehen. Ein Schuh repräsentiert das Modell. Die weiteren Größen brauchen keinen Präsentationsplatz, sondern einen gut erreichbaren Lagerplatz.
Diese Trennung verändert die Planung erheblich.
Bei GOODSHOES konnten dadurch wesentlich kleinere und offenere Regale eingesetzt werden. Auf weniger Wandfläche ließen sich mehr Modelle präsentieren, während die dazugehörigen Kartons im Lager ihren eigenen Platz bekamen.
Der Verkaufsraum verkleinerte sich dabei nur von knapp 30 m² auf rund 27 m². Gleichzeitig stieg die geplante Lagerkapazität inclusive des zusätzlichen Staurraums auf der Galerie von etwa 830 auf geschätzt rund 1.740 Schuhkartons – also auf mehr als das Doppelte. Trotz weniger Verkaufsfläche entstand damit mehr nutzbarer Raum für Warenpräsentation, Anprobe und Bewegung.
Dieses Prinzip lässt sich auch auf andere Sortimente übertragen. Nicht jede Ware, die vorhanden sein muss, benötigt gleichzeitig Präsentationsfläche. Entscheidend ist, zwischen Präsentation und Verfügbarkeit zu unterscheiden.
Wer diese Frage früh klärt, kann die wertvolle Verkaufsfläche gezielter einsetzen.
Freie Fläche ist Teil der Verkaufsfläche
Weniger Lagerware im Raum bedeutet nicht automatisch, dass die frei gewordene Fläche wieder mit neuen Regalen gefüllt werden sollte.
Bei GOODSHOES entstand in der Mitte Platz für ein großes rundes Sitzelement. Es war bewusst großzügig dimensioniert, damit mehrere Kund:innen gleichzeitig Schuhe anprobieren können. Gleichzeitig funktioniert es als klarer Mittelpunkt, ohne die Wege zu den Regalen zu blockieren.
Das zeigt einen wichtigen Punkt: Freie Fläche ist nicht verlorene Fläche.
Sie schafft Platz für Bewegung, Beratung und Aufenthalt. Sie ermöglicht Abstand zur Ware und sorgt dafür, dass Produkte überhaupt wahrgenommen werden können.
Gerade kleine Geschäfte profitieren davon, wenn nicht jeder verfügbare Bereich besetzt ist.
Durch solche Maßnahmen wird nicht weniger angeboten. Das Angebot wird klarer sichtbar und leichter erfassbar.
Viel Ware braucht vor allem eine klare Ordnung
Nicht nur die Menge der Ware beeinflusst die Raumwirkung. Entscheidend ist auch, wie sie organisiert wird.
Im Bestand standen Schuhe, Kartons, Taschen und Socken teilweise unmittelbar nebeneinander. In meiner Planung bekam jede Produktgruppe einen klareren Bereich.
Die Schuhe bilden die Hauptpräsentation. Taschen und Socken werden bewusst zugeordnet, Reserveware verschwindet aus dem Blickfeld.
So entsteht Ruhe, ohne das Sortiment künstlich zu reduzieren.
Auch gestalterisch wollte ich der Ware nicht noch zusätzliche Konkurrenz machen. Die Schuhe selbst bringen bereits viele Farben in den Raum. Deshalb bildet die Einrichtung einen ruhigeren Hintergrund: Holz, Sichtbetonoptik und wenige gezielte Akzente.
Das grüne runde Sitzmöbel wird zum Blickfang im Raum, ohne mit jedem einzelnen Produkt um Aufmerksamkeit zu kämpfen.
Gerade wenn ein Sortiment bereits bunt oder vielfältig ist, muss nicht auch die gesamte Umgebung laut sein. Ein ruhiger Rahmen kann dazu beitragen, dass die Ware stärker wirkt.
Nicht jeder Raum braucht eine Galerie – aber jeder Raum verdient einen zweiten Blick
Die rund fünf Meter Raumhöhe waren bei GOODSHOES ein besonderer Vorteil.
Das ist keine Lösung, die sich einfach auf jeden kleinen Shop übertragen lässt. Die entscheidende Überlegung dahinter ist allgemeiner:
Welche Möglichkeiten bietet genau dieser Raum?
Das können eine ungewöhnliche Raumhöhe sein, aber genauso Nischen, Nebenräume, Wandflächen oder Bereiche innerhalb von Möbeln, die bisher kaum genutzt werden.
Bei GOODSHOES konnte ich die Höhe auf unterschiedliche Weise einsetzen.
Das Büro wanderte auf die hintere Galerie. Damit liegt es außerhalb der direkten Einsicht der Kund:innen und belegt keine zusätzliche Fläche im Erdgeschoss. Gleichzeitig bleibt es zum Verkaufsraum hin offen: Von oben kann man sehen, wenn jemand das Geschäft betritt, und sofort reagieren.
Auf der offenen Galerie im vorderen Bereich war dagegen bewusst keine weitere Warenpräsentation vorgesehen.
Hier spielen Pflanzen eine andere Rolle. Sie greifen eine persönliche Leidenschaft der Kundin auf, betonen die ungewöhnliche Raumhöhe und bringen einen weichen Kontrast zur Sichtbetonoptik in den Raum. Gleichzeitig gliedern sie die große Höhe, ohne den Verkaufsraum weiter mit Ware zu füllen.
Der Clou bei GOODSHOES war also tatsächlich die Raumhöhe.
Bei einem anderen Geschäft kann der entscheidende Ansatz an einer völlig anderen Stelle liegen. Gute Planung bedeutet deshalb nicht, eine erfolgreiche Lösung zu kopieren, sondern die Möglichkeiten des konkreten Raums zu erkennen.
Gute Planung darf sich verändern
Nicht alle Anforderungen stehen bereits beim ersten Gespräch fest.
Manche werden erst sichtbar, wenn Abläufe genauer besprochen werden. Und manchmal muss dafür auch eine gestalterisch starke Idee verändert werden.
Bei GOODSHOES hatte ich zunächst eine möglichst durchgehende Spiegelwand geplant.
Der Spiegel erfüllt bei der Schuhanprobe eine klare Funktion und vergrößert den kleinen Verkaufsraum gleichzeitig optisch. Eine große geschlossene Fläche hätte außerdem eine sehr ruhige Wirkung erzeugt.
In weiteren Gesprächen wurde jedoch deutlich, dass im Alltag etwas anderes wichtiger ist: ein direkter Weg vom Verkaufsraum ins Lager.
Gerade in einem Schuhgeschäft müssen während einer Beratung laufend andere Größen aus dem Lager geholt werden. Ein unnötiger Umweg wiederholt sich also nicht einmal am Tag, sondern ständig.
Deshalb habe ich die Spiegelwand unterbrochen und einen direkten Durchgang ins Lager eingeplant.
Die perfekte durchgehende Optik war damit weg. Der Raum funktioniert dafür besser.
Genau das bedeutet für mich Planung: nicht an einer schönen Idee festzuhalten, wenn sich im Gespräch herausstellt, dass eine andere Lösung für den Alltag wichtiger ist.
Begrenztes Budget heißt priorisieren – nicht billig gestalten
Auch der Investitionsrahmen war bei GOODSHOES knapp.
Das Konzept musste deshalb mit einfachen, verfügbaren Produkten funktionieren und so geplant sein, dass Teile davon in Eigenleistung umgesetzt werden konnten.
Ein Beispiel dafür sind die Wandregale aus Euro-Paletten.
Die Idee war nicht einfach nur: "Paletten sind günstig, also nehmen wir Paletten."
Das rohe Holz passte zur Sichtbetonoptik und zum unkomplizierten Charakter des Geschäfts. Dadurch wurde aus einer einfachen Lösung ein bewusster Teil des Gestaltungskonzepts.
Ein begrenztes Budget sollte aus meiner Sicht deshalb nicht dazu führen, überall möglichst wenig auszugeben. Wichtiger ist die Frage, wo eine Investition tatsächlich einen Unterschied macht.
Funktion, Wege und Raumaufteilung sollten zuerst stimmen. Bei Materialien und einzelnen Einrichtungselementen kann danach sehr bewusst entschieden werden, wo eine einfache Lösung genügt und wo eine individuelle Lösung sinnvoll ist.
GOODSHOES zeigt für mich vor allem eines: Die Größe eines Geschäfts allein entscheidet noch nicht darüber, wie viel darin möglich ist.
Eine kleine Fläche braucht klare Prioritäten.
Präsentationsware und Reserve müssen nicht denselben Platz beanspruchen. Freie Fläche kann für Beratung und Bewegung wertvoller sein als ein zusätzliches Regal. Die Besonderheiten eines Raums können Möglichkeiten eröffnen, die im ersten Moment nicht offensichtlich sind. Und kurze, funktionierende Wege können wichtiger sein als eine gestalterisch perfekte Wand.
Die konkrete Lösung wird bei jedem Geschäft anders aussehen.
Gutes Shopdesign beginnt nicht mit Möbeln und Materialien. Der entscheidende Schritt passiert davor: verstehen, was der Raum leisten muss, welche Abläufe funktionieren müssen und welche Anforderungen tatsächlich Vorrang haben.
Erst daraus entsteht eine Verkaufsfläche, die nicht einfach möglichst viel Ware unterbringt, sondern den vorhandenen Raum sinnvoll nutzt.
Was bedeutet das für Ihr eigenes Geschäft?
Sie planen ein Geschäft neu oder möchten eine bestehende Verkaufsfläche besser nutzen?
Gerade bei bestehenden Geschäften ist der tägliche Betrieb oft die beste Analysegrundlage:
Mit der Zeit wird sehr konkret sichtbar,
- welche Wege zu lang sind,
- wo Stauraum fehlt,
- welche Bereiche nicht so funktionieren wie gedacht.
Genau dort kann eine gezielte Neuplanung ansetzen.
Ich unterstütze Sie dabei, Sortiment, Abläufe und vorhandenen Raum zusammenzudenken und daraus ein Shopkonzept zu entwickeln, das zu Ihrem Unternehmen passt.









