INTERIORTRENDS: WAS DAVON BRAUCHT IHR RAUM WIRKLICH?

Interiortrends können inspirieren. Ob sie für einen Shop, ein Büro, eine Praxis, ein Lokal oder ein Hotel sinnvoll sind, hängt aber nicht davon ab, ob eine Farbe, ein Material oder ein Raumkonzept gerade angesagt ist. Entscheidend ist, ob die Gestaltung zur Nutzung, zu den Menschen und zum Unternehmen passt. Gute Innenarchitektur übernimmt Trends nicht einfach – sie prüft, was davon im konkreten Projekt tatsächlich sinnvoll ist.

Neue Farben, Materialien und Stilrichtungen gehören zur Innenarchitektur dazu. Ich beobachte diese Entwicklungen genauso wie Veränderungen darin, wie Menschen arbeiten, einkaufen, behandelt werden oder ihre Freizeit verbringen.

Aber nur weil etwas gerade häufig zu sehen ist, gehört es noch lange nicht in jeden Raum.

Mich interessiert deshalb weniger die Frage „Was ist gerade Trend?“, sondern vielmehr:

Was steckt hinter diesem Trend – und was bedeutet das für genau diesen Raum?



Was sind Trends eigentlich?

Vereinfacht gesagt wirken Trends auf unterschiedlichen Ebenen. MIKROTRENDS sind relativ kurzfristig und unmittelbar sichtbar – etwa bestimmte Farben, Formen, Oberflächen oder Materialien. MAKROTRENDS beschreiben größere Veränderungen über mehrere Jahre, beispielsweise neue Arbeitsformen oder ein verändertes Konsumverhalten. MEGATRENDS gehen noch tiefer und wirken über Jahrzehnte, etwa Digitalisierung, demografischer Wandel oder der veränderte Umgang mit Ressourcen.


Für Innenarchitektur und Raumplanung ist das ein großer Unterschied. Denn auf eine neue Trendfarbe muss ich anders reagieren als auf die Tatsache, dass Kund:innen heute anders einkaufen oder Mitarbeitende Räume anders nutzen.

Was steckt hinter dem sichtbaren Trend?

Bei Optik AUGENBLICKE war verändertes Kundenverhalten der Ausgangspunkt: Sonnenbrillen sollten stärker selbst ausprobiert werden können.


Für das Shopdesign musste die Präsentation deshalb neu gedacht werden – gestalterisch entstand daraus aber kein typischer Trendlook, sondern eine Lösung aus echten Stahl-I-Trägern, passend zum ungewöhnlichen Charakter des Optikers.


Eine übergeordnete Entwicklung kann also Anlass für Veränderung sein. Wie diese Veränderung räumlich umgesetzt wird, muss deshalb noch lange keinem aktuellen Gestaltungstrend folgen.

Identität statt Trendlook

Auch bei MACA hairsalon ging es nicht darum, einen aktuellen Look zu übernehmen.


Der Salon sollte bewusst nicht wie viele andere Friseursalons wirken. Das intensive Blau und die metallischen Elemente entstanden aus der Markenidentität von MACA – nicht aus der Frage, welche Farben oder Materialien gerade angesagt sind.


Ein Raum sollte nicht nur erkennen lassen, wann er gestaltet wurde. Er sollte vor allem erkennen lassen, für wen.

Gerade bei Shops, Gastronomie oder Hotels ist das für mich wesentlich. Wer jedem aktuellen Look folgt, läuft schnell Gefahr, zwar modern – aber auch austauschbar zu wirken.

Ein Trend beantwortet noch nicht die entscheidende Frage

Ein Interiortrend kann eine interessante Richtung zeigen. Für eine konkrete Planung reicht das aber nicht. Denn dieselbe Idee kann für zwei Unternehmen völlig unterschiedlich sinnvoll sein.


ERLEBNIS IM SHOP klingt zunächst immer positiv. Aber möchte ein Händler überhaupt, dass Kund:innen möglichst lange bleiben? In einem Concept Store vielleicht ja. Bei Take-away, Fast Food oder einem Geschäft, in das Kund:innen gezielt kommen, schnell finden und kaufen möchten, kann eine möglichst einfache und schnelle Orientierung viel wichtiger sein.


BIOPHILIC DESIGN – also die bewusste Einbindung von Natur und Pflanzen in Räume – kann Atmosphäre, Zonierung und Wohlbefinden unterstützen. Aber nur dort, wo sie zum Raum passen und dauerhaft gepflegt werden können. Fünf schlecht gepflegte Pflanzen verbessern am Ende weder den Raum noch das Wohlbefinden.


NACHHALTIGKEIT hängt nicht nur davon ab, wie ein Material bezeichnet oder vermarktet wird. Entscheidend ist auch, wie lange es im konkreten Einsatz funktioniert: Hält es der tatsächlichen Beanspruchung stand? Lässt es sich reparieren oder austauschen? Und muss etwas Bestehendes überhaupt ersetzt werden? Langlebigkeit, Reparierbarkeit und der bewusste Umgang mit dem Bestand gehören für mich deshalb genauso zu einer nachhaltigen Planung.


HOSPITALITY DESIGN – also eine bewusst gastliche, wohnlichere Atmosphäre in Praxis oder Büro – kann Distanz abbauen, Austausch fördern und Räume angenehmer machen. Mehr Wohnlichkeit ist aber nicht automatisch das Ziel. Nicht jede Teeküche soll zum langen Verweilen einladen und nicht jedes Kundengespräch durch besonders gemütliche Besprechungsbereiche verlängert werden. Gerade dort, wo Zeit unmittelbar mit Arbeitsleistung und Verrechnung verbunden ist, kann Effizienz wichtiger sein. Gleichzeitig müssen Hygiene, Akustik, Privatsphäre, Arbeitsabläufe und Funktion stimmen.

 

Die entscheidende Planungsfrage lautet deshalb nicht: Wie setze ich diesen Trend um? Sondern: Welches Problem soll er hier eigentlich lösen?

Ein Trend kann genau richtig sein

Umgekehrt wäre es genauso falsch, etwas nur deshalb auszuschließen, weil es gerade Trend ist.


Bei PRAXIS MEHR sind Motivtapete, Petrol und Akustikpaneele durchaus Elemente, die aktuell häufig zu sehen sind. Für die Praxisgestaltung passten sie aber genau zum Wunsch nach einer besonderen, wohnlicheren Praxis und erfüllten gleichzeitig gestalterische und funktionale Aufgaben.


Passt ein Trend zum Raum und unterstützt er das Konzept, gibt es keinen Grund, ihn krampfhaft zu vermeiden.

Trends müssen zum Kontext passen

Bei GASTHAUS K sollte das Dorfwirtshaus erneuert werden. Das Gastronomiedesign durfte dabei durchaus moderner und etwas industrieller werden – aber nicht so stark, dass der Bezug zum Ort verloren geht.


Der Industrial-Stil wurde deshalb bewusst dosiert eingesetzt. Gleichzeitig passte er besonders gut zu einem ganz konkreten Teil des Hauses: dem Stammtisch der Harley-Fans.


Ein Trend muss also nicht vollständig übernommen werden. Oft funktioniert er besser, wenn er an Ort, Zielgruppe und Nutzung angepasst wird.

Als Gegenstück zu Trends fällt schnell das Wort zeitlos.


Dabei wird damit häufig eine Gestaltung mit neutralen Farben, Naturmaterialien und möglichst zurückhaltenden Räumen verbunden. Das greift für mich zu kurz.


AUGENBLICKE mit seinen Stahlträgern ist nicht neutral. MACA mit intensivem Blau schon gar nicht. PRAXIS MEHR hat eine auffällige Tapete. Und trotzdem können genau solche Entscheidungen sehr lange funktionieren.


Entscheidend ist, ob sie aus einer tragfähigen Idee heraus entstanden sind – oder nur einen bestimmten Zeitgeist abbilden. Gute Innenarchitektur muss deshalb weder neutral noch zurückhaltend sein.


Für mich bedeutet langfristige Gestaltung nicht, möglichst unauffällig zu sein. Ein Raum darf Charakter haben – er sollte nur nicht davon abhängig sein, dass ein bestimmter Look gerade modern ist.


Bei besonders langlebigen Entscheidungen lohnt sich außerdem ein anderer Blick auf Trends als bei leicht veränderbaren Elementen. Ein Boden, Einbaumöbel oder aufwendige Wandflächen sollten nicht nur deshalb gewählt werden, weil sie gerade aktuell sind. Farbe, Grafik oder einzelne Möbel können dagegen viel leichter verändert werden.

Je aufwendiger, teurer und langlebiger eine Entscheidung ist, desto weniger sollte sie allein von einem kurzfristigen Look abhängen.

Zeitgemäß muss nicht trendig aussehen

TABAK Spezialitäten zeigt die andere Seite:


Die funktionalen Anforderungen des Geschäfts wurden gezielt weiterentwickelt, während sein traditionsreicher Charakter bewusst erhalten und sogar betont wurde.


Ein Raum kann funktional und planerisch vollkommen zeitgemäß sein, ohne einem aktuellen Interiorlook zu folgen.


Gerade bei Unternehmen mit Geschichte oder einer starken bestehenden Identität kann genau das die passendere Lösung sein.

Wenn Wohnlichkeit genau richtig ist

Beim Sozialraum des Vereins Wendepunkt war mehr Aufenthaltsqualität dagegen ausdrücklich gewünscht.


Küche, Leseecke und Aufenthaltsbereiche sollten einen Ort für mehr Pausen, Austausch und gemeinsames Ankommen schaffen.


Hier unterstützt die wohnlichere Gestaltung genau die Funktion des Raumes – und deshalb passt sie.



"Wohnliches Büro“ ist deshalb keine fertige Lösung. Entscheidend ist, wo mehr Wohnlichkeit die Nutzung tatsächlich verbessert.

Trends dürfen weitergedacht werden

Wand- und Akustikpaneele zeigen gut, dass ein häufig verwendetes Gestaltungselement nicht automatisch richtig oder falsch ist.


Paneele können Flächen gliedern, Materialität schaffen oder – je nach Ausführung – akustische Aufgaben übernehmen. Auch die inzwischen sehr verbreiteten schmalen Streifenpaneele können deshalb genau die richtige Lösung sein, wenn sie zum Raum und zu ihrer Funktion passen.


Genauso muss aber nicht jedes Projekt auf dieselbe Variante zurückgreifen. Das Prinzip lässt sich mit anderen Materialien, Formaten oder hochwertigen Design-Paneelen individuell weiterdenken

Entscheidend ist nicht, ob ein Gestaltungselement gerade häufig verwendet wird, sondern warum es in genau diesem Projekt eingesetzt wird.

Was bedeutet das für Ihr eigenes Projekt?

Wenn Sie einen Shop, ein Büro, eine Praxis, ein Restaurant oder Hotel verändern möchten, müssen Sie nicht zuerst entscheiden, ob Sie „trendig“ oder „zeitlos“ gestalten wollen.


Interessanter sind andere Fragen:

  • Was soll sich durch die Gestaltung verbessern?
  • Sollen Kund:innen länger bleiben – oder schneller finden, was sie suchen?
  • Soll ein Büro mehr Austausch ermöglichen – oder fehlen eigentlich Rückzug und Ruhe?
  • Soll eine Praxis wohnlicher werden – und an welchen Stellen hilft das tatsächlich?
  • Was gehört wirklich zu Ihrem Unternehmen?


Ein aktueller Look kann hervorragend passen. Er sollte aber nicht die eigene Identität ersetzen. Was muss viele Jahre funktionieren – und was darf sich verändern? Bei Boden, Einbauten und grundlegender Raumstruktur lohnt sich ein anderer Zeithorizont als bei Farbe, Grafik oder einzelnen Möbeln.


Und schließlich hilft eine einfache Frage:

Würde ich diese Entscheidung auch treffen, wenn sie gerade nicht überall zu sehen wäre?

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